Katharina Sutter war eine ausserordentliche und erfolgreiche Sportlerin unserer Region. Als Leichtathletin vom LC Schaffhausen gewann sie an Schweizermeisterschaften zwischen 1992 und 2004 im Sprint und Würfen 17 Medaillen und startete zweimal an der Team-Europameisterschaft. Im Frauen-Bobsport war die 58-jährige Bauleiterin HFP in der Schweiz eine Pionierin. Sutter gewann 2001 an den zweiten Bob-Weltmeisterschaften der Frauen in Calgary den Titel im Zweier und verpasste ein Jahr später an den Olympischen Spielen in Salt Lake City die Bronzemedaille nur ganz knapp. Noch nie erreichten Schweizer Bobfahrerinnen eine bessere Klassierung an Olympia! Im Interview blickt die Beringerin auf diese emotionalen Ereignisse zurück und wagt eine Prognose für die Schweizer Bobfahrer in Cortina d’Ampezzo vom Sonntag 15. – 22. Februar (jeweils um 10 und 19 Uhr).
Man sieht dich selbst im Winter mit dem Velo über den Randen rasen. Wie hälst du dich heutzutage fit?
Katharina Sutter: Ich bin immer noch gerne mit dem Bike oder dem Rennvelo unterwegs. Aus meiner Zeit im Spitzensport haben die Gelenke etwas gelitten. Deshalb habe ich das Schwimmen wieder neu entdeckt.
Wie hat sich das damals angefühlt, als du vor 24 Jahren für die Olympiade selektioniert wurdest?
Es war eine extrem nervenaufreibende Zeit. Im Sommer war ich wegen Rückenbeschwerden rund zwei Monate ausser Gefecht. Parallel dazu stand im Oktober die höhere Fachprüfung als Bauleiterin an. Die Selektion wurde schliesslich bis zum letzten möglichen Termin hinausgeschoben. Als Halbprofi unter all den Bob-Profis war es eine besondere Herausforderung, sich voll auf die Selektions-Wettkämpfe zu konzentrieren.
Wie hast du persönlich die Olympischen Spiele erlebt?
Es war unglaublich – sowohl das Drumherum als auch die Wettkämpfe selbst. In den USA wird man als Olympionikin bereits gefeiert, egal welches Resultat man erzielt. Es gab viele tolle Erlebnisse mit anderen Athletinnen und Athleten. Die Eröffnungszeremonie mit dem gemeinsamen Einmarsch war ein extrem emotionaler Moment.
Wie verlief in Salt Lake City die Vorbereitung im Zweierbob?
Die Vorbereitung verlief sehr fokussiert und klar strukturiert. Danach ging es in den Wettkampfmodus: Nur noch leichtes Reiztraining, drei Tage mit je zwei Trainingsläufen und ein ganzer Tag Pause. Das Rennen selbst fand am Abend statt, und wir durften mit der Startnummer 1 eröffnen.
Und das Rennen im Zweier mit Pilotin Françoise Burdet?
Aufgrund der Weltcup Resultate vor den Spielen hatten wir uns maximal eine Top-6-Platzierung ausgerechnet. Am Ende reichte es zu Rang vier, mit lediglich 0,05 Sekunden Rückstand auf das Podest. Das war damals richtig schmerzhaft. Gleichzeitig war es aber auch eine grosse Genugtuung, nach all den Jahren endlich auf der grossen Bühne performen zu dürfen.
Konntest du dich später über eure Leistung freuen?
Es brauchte viel Zeit, der Ärger und die Enttäuschung waren gross. Das macht uns Spitzensportlerinnen und Spitzensportler aus, wir wollen immer mehr. Heute bin ich sehr stolz auf Françoise und mich. Wir haben das Optimum herausgeholt und ich kann auf unsere Leistung zufrieden zurückblicken.
War der WM-Titel für dich wichtiger als Rang vier an den OS?
Weltmeisterin zu werden war ein riesiger Erfolg. Gleichzeitig ist der vierte Rang an den Olympischen Spielen bis heute das beste Resultat eines Schweizer Frauenteams. Doch bei Olympia zählen am Ende nur die Medaillen. Deshalb steht der Weltmeistertitel für mich persönlich noch etwas höher.
Was war damals im Bobsport anders als heute?
Wir waren Amateurinnen, mussten Reisen, Wettkampfstarts, Trainingslager, Material etc. selbst organisieren. Wir erhielten praktisch keine Entschädigung. Es gab noch keine Sportler-RS, keine Sporthilfe, keine Anstellung als Zeitsoldatin etc. Dafür verblieben wir als Teilzeitangestellte dem Berufsleben erhalten. Heute ist die Unterstützung um einiges besser. Auch die Frauen sind den Männern heute zu 100% gleich gestellt und werden nicht mehr belächelt.
Was erwartest du von Europameisterin Melanie Hasler in Cortina?
Im Zweierbob sind die Favoriten klar verteilt: drei deutsche Teams, dazu zwei aus den USA und eines aus Österreich. Melanie Hasler bringt die Voraussetzungen mit in die Top 6 zu fahren. Im Monobob ist die Ausgangslage ganz anders. Ohne materielle Vorteile für die Einen, da alle mit dem gleichen Schlitten fahren. Dort ist für Melanie vieles möglich. Zudem bin ich sehr gespannt auf die Premiere von Debora Annen – sie bringt viel Potenzial mit.
LCS-Kollege Enrico Güntert wurde für die OS nicht selektioniert. Wie beurteilst du das?
Ich habe mich sehr über die Testresultate von Enrico gefreut. Warum er nicht selektioniert wurde, weiss ich nicht. Aus der Erfahrung ist klar, dass es extrem schwer ist in so kurzer Zeit das Sprinten auf dem Eis und den sauberen Einstieg in den Bob zu lernen. Ich hoffe, er lässt sich irgendwann verführen und kehrt nochmals aufs Eis zurück. Enrico ist auch nicht der erste Leichtathlet der im Bobsport den Durchbruch nicht auf Anhieb schaffte.
Sonstige Bemerkungen?
Ich wünsche allen Athleten viel Erfolg und dass sie gesund bleiben.